Das weiße Blatt – oder: das Hindernis „Neuanfang“
Manchmal ist es nicht das Motiv, das schwierig ist.
Nicht die Farben. Nicht das Material.
Manchmal ist es nur eins: der Anfang.
Das weiße Blatt. Die leere Leinwand. Diese stille Fläche, die plötzlich riesig wirkt.
Der Moment vor dem ersten Strich
Jede weiße Leinwand.
Jedes weiße Blatt Papier.
Jeder Anfang.
Er ist schwer. Und kostet Überwindung.
Das Motiv ist längst da. Im Kopf.
Die Farben sind ausgesucht, bereit auf der Palette.
Das Atelier ist kurz gelüftet – frische Luft, frischer Mut.
Und dann: Stille.
Ich starre auf den Malgrund. Minutenlang.
Aber da kommt nichts. Kein Strich. Kein Anfang.
Wenn Zweifel plötzlich laut werden
Statt Farbe: Zweifel.
Die können das richtig gut – sich ins Hirn graben, als würden sie dort Miete zahlen.
Passt das Motiv überhaupt?
Wäre nicht eine andere Größe besser?
Ist das Material wirklich richtig – oder sollte ich doch Pastellkreide nehmen?
Ich mache „nur schnell“ einen Kaffee.
Natürlich.
Und dann stehe ich da.
Mit dem Kaffee statt mit dem Pinsel vor der Leinwand.
Wie doof kann man eigentlich sein?
„Vielleicht morgen“ – und warum es trotzdem heute sein muss
Vielleicht morgen?
Nein. Heute.
„Egal“, sage ich mir. „Wenn’s nichts wird, übermale ich es halt wieder.“
Als wäre das so einfach.
Aber dieser Satz beruhigt.
Ein bisschen.
Und dann klappt es.
Ein vorsichtiger Strich.
Und noch einer.
Der Flow, der alles verschluckt
Plötzlich zieht mich das Motiv hinein – als würde die Leinwand mich einsaugen.
Die Zeit wird weich.
Stunden vergehen, ohne dass ich auch nur einmal aufblicke.
Völlig vertieft.
Völlig im Flow.
Bis mein Rücken mich unsanft zurück in die Realität reißt.
Ich gehe ein paar Schritte zurück, setze mich, schaue.
Und natürlich: alles gut.
Zweifel umsonst – wie immer.
Ich muss lachen.
Warum nicht gleich so?
Morgen noch ein paar Details. Ein bisschen Tiefe.
Und dann: fertig.
Und Sie?
Kennen Sie diesen Moment vor dem ersten Strich – dieses „weiße Blatt“-Gefühl?
