Wo ist meine Mal-Lust geblieben?

Foto Manuela Spiegelfeld
Eine Ausstellung. Ein Sommertag. Ein Bild in Pastellkreide. Und ein Satz, der mehr auslöste als jede Kritik: „Im Möbelhaus bekomme ich etwas Billigeres – und genauso Schönes.“ Eine Geschichte über Wertschätzung, Kunst und den richtigen Platz für Kreativität.

Wo ist meine Kreativität geblieben?

Seit Jahren male ich fast nur noch Auftragsarbeiten.
Warum eigentlich?

Ich weiß es nicht genau.

Vielleicht war es die fehlende Wertschätzung für dieses Können.
Vielleicht auch nur ein schleichender Prozess, den ich lange nicht bemerkt habe.

Vor einigen Jahren hatte ich eine Ausstellung mit dem Attergauer Farbenkreis.
Ein wunderschöner Vierkanthof. Sommer. Warme Luft. Gute Stimmung.
Alles fühlte sich stimmig an.

Ich arbeitete gerade an meinem „Maserati“-Bild in Pastellkreide.
Ich liebte dieses Gefühl, die Kreide mit den Fingern ins raue Papier zu reiben. Übergänge weich werden zu lassen. Linien zu formen. Die Charakteristik dieses Sportwagens herauszuarbeiten.

Es war einer dieser Momente, in denen ich völlig im Tun versinke.

Dann stellte sich ein Mann neben mich.
Er sah mir eine Weile zu. Beobachtete das Bild. Meine Hände.

Und fragte schließlich, was so etwas koste.

Ich nannte einen Preis, der sich für mich richtig anfühlte.
Nicht überzogen. Nicht billig.
Ein fairer Wert für Zeit, Können und Leidenschaft.

Er lächelte schief.

Er würde lieber ein Bild im Möbelhaus kaufen, sagte er.
Das sei günstiger – und genauso schön.

Es war wie ein Stich.

Wie kann man ein sorgfältig aufgebautes, mit Hingabe ausgearbeitetes Werk mit einer Massenkopie in einem Atemzug nennen?
Für mich verdunkelte sich der Himmel, obwohl keine einzige Wolke zu sehen war.

Andere Besucher lobten mein Werk. Fanden es ausdrucksstark, gekonnt.
Doch kaufen wollte niemand.

Nicht bei dieser Ausstellung.
Und auch nicht bei einer anderen.

Irgendwann verstand ich:
Ich war am falschen Ort mit meiner Kunst.

Solche Ausstellungen machte ich danach nicht mehr.

Für manche reicht ein Bild aus dem Möbelhaus, um glücklich zu sein.
Und das ist in Ordnung.

Andere aber legen Wert auf Kunst an sich.
Auf Können.
Auf Tiefe.
Auf Wirkung.
Auf den Menschen hinter dem Werk.

Und sie wissen, dass all das seinen Preis hat.

Genau dorthin musste ich.


Vielleicht ist es kein Zufall, dass ich das heute so klar sehe.
Vielleicht brauchte es genau diese Jahre.

Die Ausstellung.
Den Stich ins Herz.
Die Auftragsarbeiten.
Den Aufbau meiner kleinen Werbeagentur.
Die Disziplin.
Das Funktionieren.

All das hat mich nicht von der Kunst weggebracht.
Es hat mich vorbereitet.

Die Agentur wuchs. Strukturen entstanden. Abläufe. Sicherheit.
Und plötzlich war wieder Raum.

Und mit diesem Raum kam etwas anderes: Sehnsucht.

Ich vermisse das Geräusch der Kreide auf Papier.
Das Mischen von Farben ohne Briefing.
Das Verlieren der Zeit ohne Auftrag.

Nicht für jemanden.
Sondern für mich.

Heute weiß ich:
Kreativität verschwindet nicht.
Sie wartet.

Sie wartet, bis wir wieder zuhören.
Bis wir uns Zeit nehmen.
Bis wir uns selbst wieder ernst nehmen.

Und ich nehme mir diese Zeit jetzt.

Nicht, weil ich muss.
Nicht, weil es sich rechnet.
Nicht, weil jemand danach fragt.

Sondern weil ich es vermisse.

Denn Kunst entsteht nicht, wenn man nur funktioniert.

Sie entsteht, wenn man sich traut.

Und ich traue mich wieder.

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